Gedichte Erinnerung


Gedichte - Erinnerung

Sammlung an Gedichten mit Bezug zum Thema Erinnerung für Leserunden und Gedächtniseinheiten.

 

Frage

Wenn einsam du im Kämmerlein gesessen,
wenn dich der Schlummer floh die lange Nacht,
dann hast du oft, so sprichst du, mein gedacht;
doch, wenn die Sonne kommen unterdessen,
wenn dir die Welt und jeglich Aug gelacht,
hast du auch dann wohl jemals mein gedacht?

Theodor Storm
 

 

 

Erinnerung

Glück der Engel! Wo geblieben?
Wo geblieben, schöner Tag,
als mit unbesorgtem Lieben
ihre Hand auf meinem Herzen lag?
O sie fühlte jeden Schlag
und in jedem lauter Lieben!
Wo geblieben,
Glück der Engel, schöner Tag?

Johann Georg Jacobi
 

 

 

Gebt Euren Toten Heimrecht,
Ihr Lebendigen,
daß wir unter Euch wohnen und weilen dürfen
in hellen und dunklen Stunden.
Weint uns nicht nach,
daß jeder Freund sich scheuen muß,
von uns zu reden!
Macht, daß die Freunde ein Herz fassen,
von uns zu plaudern und zu lachen!
Gebt uns Heimrecht,
wie wir's im Leben genossen haben.

Walter Flex

 

 

 

 

 

 

 

 


Erinnerung

Und du wartest, erwartest das Eine,
das dein Leben unendlich vermehrt;
das Mächtige, Ungemeine,
das Erwachen der Steine,
Tiefen, dir zugekehrt.

Es dämmern im Bücherständer
die Bände in Gold und Braun;
und du denkst an durchfahrene Länder,
an Bilder, an die Gewänder

wiederverlorener Fraun.
Und da weißt du auf einmal: das war es.
Du erhebst dich, und vor dir steht
eines vergangenen Jahres

Angst und Gestalt und Gebet.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

 

Laßt fahren hin das allzu Flüchtige!
Ihr sucht bei ihm vergebens Rat;
In dem Vergangnen lebt das Tüchtige,
Verewigt sich in schöner Tat.

Und so gewinnt sich das Lebendige
Durch Folg' aus Folge neue Kraft;
Denn die Gesinnung, die beständige,
Sie macht allein den Menschen dauerhaft.

So löst sich jene große Frage
Nach unserm zweiten Vaterland;
Denn das Beständige der ird'schen Tage
Verbürgt uns ewigen Bestand.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

 

 

Tief im Schatten alter Rüstern,
Starren Kreuze hier am düstern
Uferrand.
Aber keine Epitaphe
Sagen uns, wer unten schlafe,
Kühl im Sand.

Still ist's in den weiten Auen.
Selbst die Donau ihre blauen
Wogen hemmt.
Denn sie schlafen hier gemeinsam,
Die, die Fluten still und einsam,
Angeschwemmt.

Alle, die sich hier gesellen,
Trieb Verzweiflung in der Wellen
Kalten Schoß.
Drum die Kreuze, die da ragen,
Wie das Kreuz, das sie getragen,
"Namenlos".

Albrecht Graf Wickenburg

 

 

 


Ganz still, zuweilen wie ein Traum
klingt in dir auf ein fernes Lied.
Du weißt nicht, wie es plötzlich kam,
du weißt nicht, was es von dir will.
Und wie ein Traum ganz leis und still
verklingt es wieder, wie es kam.

Wie plötzlich mitten im Gewühl
der Straße, mitten oft im Winter
ein Hauch von Rosen dich umweht.
Oder dann und wann ein Bild
aus längst vergessenen Kindertagen
mit fragenden Augen vor dir steht.

Ganz still und leise, wie ein Traum,
du weißt nicht, wie es plötzlich kam,
du weißt nicht, was es von dir will,
und wie ein Traum ganz leis und still
verblaßt es wieder, wie es kam.

Cäsar Otto Hugo Flaischlen

 

 

Du kannst Tränen vergießen,
weil er gegangen ist,
oder Du kannst lächeln,
weil er gelebt hat,
Du kannst die Augen schließen und beten,
daß er wiederkehrt,
Oder du kannst die Augen öffnen und all das sehen,
was er hinterlassen hat.

Nachruf

 

 

 

Ich aber weiß

Ich aber weiß, ich seh dich manche Nacht,
In meinen Träumen klingt dein holdes Lachen,
Und meine Lippen murmeln oft im Wachen
Verlor'ne Wünsche, die an dich gedacht.

Und unaufhörlich legt sich Zeit zu Zeit,
Verweht wie deine sind dann meine Spuren,
Bis zu den Mauern jener stillen Fluren,
Wo schweigsam Hügel sich an Hügel reiht.

Dann wird der Sturmwind um die Gräber gehn,
Der wird mit seinen regenfeuchten Schwingen
Von Menschenglück und junger Liebe singen;
Wir aber ruhn und werden's nicht versteh'n.

Ludwig Jacobowski

 

 

 

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten
daß ich so traurig bin
Ein Märchen aus uralten Zeiten
das kommt mir nicht aus dem Sinn
Die Luft ist kühl und es dunkelt
und ruhig fließt der Rhein
Der Gipfel des Berges funkelt
im Abendsonnenschein

Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar,
Ihr gold'nes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldenes Haar,
Sie kämmt es mit goldenem Kamme,
Und singt ein Lied dabei;
Das hat eine wundersame,
Gewalt'ge Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe,
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh'.
Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn,
Und das hat mit ihrem Singen,
Die Lorelei getan.

Heinrich Heine

 

 

 

Auch du, ohne Klage,
gedenke der Tage,
die froh wir verlebt.
Wer Gutes empfangen,
der darf nicht verlangen,
daß nun sich der Traum
ins Unendliche webt.

David Friedrich Strauß

 

 

 

 

Des Musterknaben Klagelied

Manchen Wein hab ich getrunken,
Manchem schönen Kinde bin
Ich verliebt ans Herz gesunken:
Jetzt geht alles nüchtern hin,
Abgezirkelt, abgemessen,
Und das ist des Liedes Sinn:
Ach, vergossen, ach, vergessen!

Dunkelroter Wein im Becher
Und ein weißer Busen bloß,
Ein Verliebter und ein Zecher,
War ich selig, war ich groß,
Ritt auf Rausches roten Rossen
Mitten in der Götter Schoß,
Ach, vergessen, ach, vergossen!

Einsam geh ich nachts nach Hause,
Und mein Keller steht mir leer,
Das verworrene Gebrause,
Ach, mein Herz kennt es nicht mehr;
hat sich eingesessen,
Exemplarisch, würdig schwer,
Ach, vergossen, ach, vergessen!

Soll mich gar nichts mehr entzücken?
Soll ich ewig nüchtern sein?
Wehe, Tugend deinen Tücken,
Denn sie machen mir nur Pein;
Sauertöpfisch und verdrossen
Trag ich meinen Heiligenschein, –
Ach, vergessen, ach, vergossen!

Otto Julius Bierbaum

 

 

Jugendliebe

Des Mondes weiße Ampel hing
Im goldgestirnten Himmelsdom,
Und glitzernd zog sich, silberfein,
Ein Strahlenbrücklein durch den Strom.
Im Uferdunkel träumten
Wir Arm in Arm geschmiegt.
Still glitt ein Boot vorüber,
Vom Wellenglanz gewiegt.

Das Schifflein barg in treuer Hut
Der Liebe Glück als holde Fracht,
Und unsre Träume fuhren mit
Auf Silberbarken durch die Nacht.
Studentenlieder klangen
Stromüber keck und weh
Aus allen Ufergärten
Voll Kirschenblütenschnee.

Wenn mondverklärt die Welle blinkt,
Steigt leuchtend jene Nacht empor.
Nur daß ich gar so einsam ward,
Indes dein Weg sich fern verlor!
Stromüber weht noch immer
Mit zaubersüßem Klang
Das Echo alter Lieder,
Die einst die Jugend sang.

Thusnelda Wolff-Kettner
 

 

 


Vermächtnis

Kein Wesen kann zu Nichts zerfallen!
Das Ew'ge regt sich fort in allen,
Am Sein erhalte dich beglückt!
Das Sein ist ewig: denn Gesetze
Bewahren die lebend'gen Schätze,
Aus welchen sich das All geschmückt.

Das Wahre war schon längst gefunden,
Hat edle Geisterschaft verbunden;
Das alte Wahre, faß es an! Verdank es,
Erdensohn, dem Weisen,
Der ihr, die Sonne zu umkreisen,
Und dem Geschwister wies die Bahn.

Sofort nun wende dich nach innen,
Das Zentrum findest du dadrinnen,
Woran kein Edler zweifeln mag.
Wirst keine Regel da vermissen:
Denn das selbständige Gewissen
Ist Sonne deinem Sittentag.

Den Sinnen hast du dann zu trauen,
Kein Falsches lassen sie dich schauen,
Wenn dein Verstand dich wach erhält.
Mit frischem Blick bemerke freudig,
Und wandle sicher wie geschmeidig
Durch Auen reichbegabter Welt.

Genieße mäßig Füll und Segen,
Vernunft sei überall zugegen,
Wo Leben sich des Lebens freut.
Dann ist Vergangenheit beständig,
Das Künftige voraus lebendig,
Der Augenblick ist Ewigkeit.

Und war es endlich dir gelungen,
Und bist du vom Gefühl durchdrungen:
Was fruchtbar ist, allein ist wahr –
Du prüfst das allgemeine Walten,
Es wird nach seiner Weise schalten,
Geselle dich zur kleinsten Schar.

Und wie von alters her im stillen
Ein Liebewerk nach eignem Willen
Der Philosoph, der Dichter schuf,
So wirst du schönste Gunst erzielen:
Denn edlen Seelen vorzufühlen
Ist wünschenswertester Beruf.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

Rosenzeit! Wie schnell vorbei,
Schnell vorbei
Bist du doch gegangen!
Wär mein Lieb nur blieben treu,
Blieben treu,
Sollte mir nicht bangen.

Um die Ernte wohlgemut,
Wohlgemut
Schnitterinnen singen.
Aber, ach! mir krankem Blut,
Mir krankem Blut
Will nichts mehr gelingen.

Schleiche so durchs Wiesental,
So durchs Tal,
Als im Traum verloren,
Nach dem Berg, da tausendmal,
Tausendmal
Er mir Treu geschworen.

Oben auf des Hügels Rand,
Abgewandt,
Wein ich bei der Linde;
An dem Hut mein Rosenband,
Von seiner Hand,
Spielet in dem Winde.

Eduard Mörike

 

 

 

Einer Toten

Ach, daß du lebtest!
Tausend schwarze Krähen,
Die mich umflatterten auf allen Wegen,
Entflohen, wenn sich deine Tauben zeigten,
Die weißen Tauben deiner Fröhlichkeit.
Daß du noch lebtest!
Schwer und kalt bedrängt
Die Erde deinen Sarg und hält dich fest.
Ich geh nicht hin, ich finde dich nicht mehr.
Und Wiedersehn?
Was soll das Wiedersehn,
Wenn wir zusammen Hosianna singen
Und ich dein Lachen nicht mehr hören kann?
Dein Lachen, deine Sprache, deinen Trost:
Der Tag ist heut so schön. Wo ist Chasseur?
Hol aus dem Schranke deinen Lefaucheux,
Und geh ins Feld, die Hühner halten noch.
Doch bieg nicht in das Buchenwäldchen ab,
Und leg dich nicht ins Moos und träume nicht.
Paß auf die Hühner und sei nicht zerstreut,
Blamier dich nicht vor deinem Hund, ich bitte.
Und alle Orgeldreher heut' verwünsch ich,
Die mit verlornem Ton aus fernen Dörfern
Dir Träume senden – dann gibt's keine Hühner.
Und doch, die braune Heide liegt so still,
Dich rührt ihr Zauber, laß dich nur bestricken.
Wir essen heute Abend Erbsensuppe,
Und der Margaux hat schon die Zimmerwärme;
Bring also Hunger mit und gute Laune.
Dann liest du mir aus deinen Lieblingsdichtern,
Und willst du mehr, wir gehen an den Flügel
Und singen Schumann, Robert Franz und Brahms.
Die Geldgeschichten lassen wir heut ruhn.
Du lieber Himmel, deine Gläubiger
Sind keine Teufel, die dich braten können,
Und alles wird sich machen.
Hier noch eins:
Ich tat dir guten Kognak in die Flasche.
Grüß Heide mir und Wald und all die Felder,
Die abseits liegen und vergiss die Schulden,
Ich seh' indessen in der Küche nach,
Daß uns die Erbsensuppe nicht verbrennt.
Daß du noch lebtest!
Tausend schwarze Krähen,
Die mich umflatterten auf allen Wegen,
Entflohen, wenn sich deine Tauben zeigten,
Die weißen Tauben deiner Fröhlichkeit.
Ach, daß du lebtest!

Detlev von Liliencron

 

 

 

 

 

Zauber der Erinnerungen,
Heil'ger Wehmut süße Schauer
Haben innig uns durchklungen,
Kühlen unsre Glut.
Wunden gibt's, die ewig schmerzen,
Eine göttlich tiefe Trauer
Wohnt in unser aller Herzen,
Löst uns auf in eine Flut.
Und in dieser Flut ergießen
Wir uns auf geheime Weise
In den Ozean des Lebens
Tief in Gott hinein;
Und aus seinem Herzen fließen
Wir zurück zu unserm Kreise,
Und der Geist des höchsten Strebens
Taucht in unsre Wirbel ein.

Novalis

 

 

 

 

Meine Seele weinte

Oft in der stillen Nacht.
Oft in der stillen Nacht,
wenn zag der Atem geht
und sichelblank der Mond
am schwarzen Himmel steht,
wenn alles ruhig ist
und kein Begehren schreit,
führt meine Seele mich
in Kindeslande weit.
Dann seh' ich, wie ich schritt
unfest mit Füßen klein,
und seh' mein Kindesaug'
und seh' die Hände mein
und höre meinen Mund,
wie lauter klar er sprach
und senke meinen Kopf
und denk' mein Leben nach:
Bist du, bist du allweg
gegangen also rein,
wie du gegangen bist
auf Kindes Füßen klein?
Hast du, hast du allweg
gesprochen also klar,
wie einsten deines Munds
lautleise Stimme war?
Sahst du, sahst du allweg
so klar ins Angesicht
der Sonne, wie dereinst
der Kindesaugen Licht?
Ich blicke, Sichel, auf
zu deiner weißen Pracht;
tief, tief bin ich betrübt
oft in der stillen Nacht.

Barthold Hinrich Brockes

 

 

 


Angedenken an das Gute
Hält uns immer frisch bei Mute.
Angedenken an das Schöne
Ist das Heil der Erdensöhne.
Angedenken an das Liebe,
Glücklich! wenn's lebendig bliebe.
Angedenken an das Eine
Bleibt das Beste, was ich meine.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

An die Erinnerung

Süßer Wehmut Gefährtin, Erinnrung!
Wenn jene die Wimper sinnend senkt,
Hebst du deinen Schleier und lächelst
Mit rückwärts gewandtem Gesicht.

Still und hehr, wie der schweigende Vollmond
Die Gräber bescheint, betrachtest du
Das Vergangne, weilenden Blickes,
Wie Bräute des Bräutigams Bild.

Deine dämonischen Bilder sind lieblich,
Wie tauichter Duft im Abendrot!
Deine Stimm' ist sanft, wie der Flöte
Im Echo entschwindender Hall.

Oftmals zeigst du, in duftiger Ferne,
Mir freundlich der Jugend Lenzgefild;
Oder reihst in Kränze die Veilchen,
So Liebe mir, sparsam nur, las.

Oft erscheinst du mir, lächelnd durch Tränen,
Und kosest mit mir, vertraut und lang,
Von den toten Lieben, an Gräbern,
Die höheres Gras schon umwallt.

Mir willkommen im Schleier der Trauer!
Willkommen im heitern Silberflor!
Rasch entfleucht der Gegenwart Freude;
Du, sinnende Trösterin, weilst!

Johann Gaudenz Freiherr von Salis-Seewis
 

 

 

Hiddigeigei lebt mit Eifer
Dem Beruf der Mäusetötung,
Doch er zürnt nicht, wenn ein andrer
Sich vergnügt an Sang und Flötung.

Hiddigeigei spricht, der Alte:
Pflück' die Früchte, eh' sie platzen;
Wenn die magern Jahre kommen,
Saug an der Erinn'rung Tatzen!

Joseph Victor von Scheffel

 

 

 

 

Einst

Ich ging im Walde
Den alten Steig;
Einst gingen wir beide –
mein Herze, schweig!

Es zittert der Herbstwind
Durchs Goldgezweig!
Einst war es Sommer –
Mein Herze, schweig!

Karl Stieler

 

 

 

Der Reisebecher

Gestern fand ich, räumend eines langvergess'nen Schrankes Fächer,
Den vom Vater mir vererbten, meinen ersten Reisebecher.
Währenddes ich, leise singend, reinigt' ihn vom Staub der Jahre,
War's, als höbe mir ein Bergwind aus der Stirn die grauen Haare,
War's, als dufteten die Matten, drein ich schlummernd lag versunken,
War's, als rauschten alle Quelle, draus ich wandernd einst getrunken.

Conrad Ferdinand Meyer

 

 

 


Ein treu Gedenken, lieb Erinnern,
Das ist die herrlichste der Gaben,
Die wir von Gott empfangen haben –
Das ist der goldne Zauberring,
Der auferstehen macht im Innern,
Was uns nach außen unterging.

Friedrich Martin von Bodenstedt

 

 

Erinnerung

Es ist das Herz ein Totenschrein,
Man legt gestorbne Lieb' hinein;

Doch wenn der Mond am Himmel geht,
Die tote Liebe aufersteht

Und schwebt um dich im blassen Licht
Mit tränenfeuchtem Angesicht.

Friedrich Rückert

 

 

Heil, wo sich Herz und Geist vermählen
Zu besser'm idealem Schwung!
Gedächtniß haben kalte Seelen,
Die fühlenden – Erinnerung,
Und die Vergangenheit ist nie
Dahin, nur fern für sie.

Johann Christoph Friedrich Haug

 

 

 

 

Die Krähe

Eine Krähe war mit mir
Aus der Stadt gezogen,
Ist bis heute für und für
Um mein Haupt geflogen.

Krähe, wunderliches Tier,
Willst mich nicht verlassen?
Meinst wohl, bald als Beute hier
Meinen Leib zu fassen?

Nun, es wird nicht weit mehr geh'n
An dem Wanderstabe.
Krähe, lass mich endlich seh'n,
Treue bis zum Grabe!

Wilhelm Müller

 

 

 

 

 

Der König in Thule

Es war ein König in Thule
Gar treu bis an das Grab,
Dem sterbend seine Buhle
Einen goldnen Becher gab.

Es ging ihm nichts darüber,
Er leert' ihn jeden Schmaus;
Die Augen gingen ihm über,
So oft er trank daraus.

Und als er kam zu sterben,
Zählt' er seine Städt' im Reich,
Gönnt alles seinen Erben,
Den Becher nicht zugleich.

Er saß beim Königsmahle,
Die Ritter um ihn her,
Auf hohem Vätersaale
Dort auf dem Schloß am Meer.

Dort stand der alte Zecher,
Trank letzte Lebensglut
Und warf den heil'gen Becher
Hinunter in die Flut.

Er sah ihn stürzen, trinken
Und sinken tief ins Meer.
Die Augen täten ihm sinken;
Trank nie einen Tropfen mehr.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

Aus der Kinderzeit

In alten Briefen saß ich heut vergraben,
Als einer plötzlich in die Hand mir fiel,
Auf dem die Jahresziffer mich erschreckte,
So lange war es her, so lange schon.
Die Schrift stand groß und klein und glatt und kraus
Und reichlich untermischt mit Tintenflecken:
»Mein lieber Fritz, die Bäume sind nun kahl,
Wir spielen nicht mehr Räuber und Soldat,
Türk hat das rechte Vorderbein gebrochen,
Und Tante Hannchen hat noch immer Zahnweh,
Papa ist auf die Hühnerjagd gegangen.
Ich weiß nichts mehr. Mir geht es gut.
Schreib bald und bleibe recht gesund.
Dein Freund und Vetter Siegesmund.«

»Die Bäume sind nun kahl,« das herbe Wort
Ließ mich die Briefe still zusammenlegen,
Gab Hut und Handschuh mir und Rock und Stock
Und drängte mich hinaus in meine Haide.

Detlev von Liliencron

 

 

Erinnerung gleicht einem Speicher;
Mit jedem Tag füllt er sich neu –
An Weizen leer, ist überreich er
Gar oft an inhaltsloser Spreu.
Um jede Thorheit fortzubringen,
Braucht' es der Säcke Legion –
Die Körnlein von gedieg'nen Dingen –
Die trüge leicht ein Spatz davon.

Verfasser unbekannt

 

 

 

Die Nachtigall

Gleichwie eine kreischende Schar von jungen
Vögeln stürzen Erinnerungen
raschelnd herab durch die welken Blätter
des herbstenden Herzens. Gebeugt vom Wetter
der Leidenschaften, spiegelt der Baum
den Stamm im Bache der Reue, der traum-
verloren leis rauschend weiter rinnt.
Ein feuchter Hauch steigt auf und spinnt
ein sanftes Nebeln von Ast zu Ast.
Nun hör ich bebender Lauscher fast
kein Rauschen mehr, nur das schluchzende Lied
des Vogels, der mit der Jugend schied.
Er ruft die Verlorne. Sein schmelzender Schlag
ist so silberrein wie am ersten Tag.
Der Mond erhebt sich still und bleich,
und die Nacht, so sommerschwül und weich
von Schwermut, wiegt den fröstelnden Baum
und wehend den weinenden Vogel in Traum . . .

 

Paul Verlaine

 

 

 


Sieben Billionen Jahre vor meiner Geburt
war ich eine Schwertlilie.
Meine Wurzeln
saugten sich
in einen Stern.
Auf seinen dunklen Wassern
schwamm
meine blaue Riesenblüte.

Hermann Oscar Arno Alfred Holz

 

 

 

 

Der Kreuzstein

Es steht ein Stein am Wege,
Ein alter, grauer Stein;
Es grub in ihn der Steinmetz
Kreuz und Beil hinein.

Als Untatsangedenken
Er dort am Wege steht;
So meldet die Bauernkunde,
Die von dem Steine geht.

Keiner wurde vergessen,
Jedem ward sein Teil;
Ein Kreuz bekam der eine,
Der andere das Beil.

Hermann Löns

 

 

 

Ich fühle deine Hände im Haus,
Sie gehen wie Blut durch die Wände
Und teilen ihre Wärme aus,

Sie bereiten mitten im Alltagslärme
Mir täglich einen Hochzeitsschmaus,
Verwandeln Sorgen in Singvögelschwärme.

Wie Sonnenstrahlen auf Erden wandeln
Und zaubern aus Staub einen Blumenstrauß,
So müssen sie immer feurig handeln.

Ich fühle deine geliebten Hände,
Sie geben ihren Puls dem Haus
Und gehen wie Wärme durch meine Wände.

Max Dauthendey

 

 

 

Hier!

Dem letzten Deingedenken
Ist dieser Ort geweiht;
Hier will ich mich versenken
In's Meer der Traurigkeit.

Hier lebt' ich sel'ge Stunden –
Sie kehren nimmermehr;
Das Herz kann nicht gesunden,
Die Welt ist todt und leer.

Ein Fieber ward mein Leben,
Mein Traum geht himmelwärts,
Die matten Pulse beben
Im letzten Todesschmerz.

Nun strömt, ihr Thränenfluthen,
Hinab in's Angesicht:
Hier mag das Herz verbluten,
Verglühn der Augen Licht.

Hier hat sich mir erhoben
Ein Glück, das keinem gleich:
Hier ist mir auch zerstoben
Ein ganzes Himmelreich.

Helene Branco, Pseudonym Dilia Helena
 

 

 

Im Hochtal

Spielt der Wind mir in den Haaren
Und im Ohr ein altes Lied,
Das in Jugendwanderjahren
Mir ein Hirtental beschied.

Hör' ganz nah, ich muß sie kennen,
Eine Stimme weich und jung.
O, wie kann das Herz und brennen
In dem Tal Erinnerung.

Jakob Boßhart

 

 

Nachtgedanken

Nicht dem Kleinmut dich ergeben,
Liegt das Morgen noch so weit!
Menschgebornes schleppt am Leben
Und an der Vergangenheit.

Könnten wir in Nächten bleichen
Jedes Tags Erinnerung,
Alle Griffelspuren streichen,
Fühlten wir uns ewig jung!

Doch so mögen sich beschränken
Blatt und Blume, Baum und Tier:
Nur durch schmerzliches Gedenken
Und in Leiden wachsen wir.

Und so bleiben wir verbunden
Jedem Schicksalsschlag und -stoß:
Narben sind und Seelenwunden
Allerhöchtes Menschenlos.

Jakob Boßhart

 

 

 

Erinnerung

Es zuckt die Lippe und das Auge lacht,
Und doch steigt's vorwurfsvoll empor,
Das Bild aus tiefer, tiefer Herzensnacht –
Der milde Stern an meines Himmels Tor.
Er leuchtet siegreich – und die Lippe schließt
Sich dichter – und die Träne fließt.

Friedrich Wilhelm Nietzsche

 

 

 

 

Schau ich in entlegene Zeit zurück,
dann dünkt mich, ich sehe entschwundenes Glück,
wenn auch in keinem Lebensjahr
in Wahrheit je ich glücklich war! –

Was ferneher leuchtet in goldigem Schein
wie sinkender Sonne Prangen,
kann nur der Jugend Nachglanz sein
am Weg, den ich traurig gegangen.

Maximilian Bern

 

 

Sehnsucht

O könnt' ich jene Töne wiedergeben
Und jene purpurroten Farben malen
Von Abendglocken und Abendstrahlen
Aus meiner Jugend erstem Liebeleben!

O könnt' ich wieder durch die Gärten schweben –
Die Abendnebel dampfen aus den Thalen
Und einen Bund, beglückt von süßen Qualen,
Umspinnen Elfen, die im Mondschein weben.

Ich höre manchmal wie aus weiter Ferne
Ein Glöcklein wieder mit bekanntem Schalle
Und märchenhafter glüh'n die Abendsterne –

Dann sag' ich wild, von innrer Kraft gedrungen:
Ich will euch wieder, ihr Erinnerungen!
Sie zucken wohl, doch bald verstummen alle.

Karl Ferdinand Gutzkow

 

 

 


Die Stunde

Du hast in einer Stunde
Mir soviel Glück gegeben,
Nie kann mein ganzes Leben
Glücklicher sein!

Ich will sie mir erhalten
In meiner Seele Grunde,
Wie einen edlen alten
Köstlichen Wein.

Einst in den bösen Tagen
Der Sorgen und Schmerzen
Hol ich herauf aus dem Herzen
Die Stunde mir.

Dann werd ich sie neu genießen
Und alles wird sie versüßen
Und mich berauschend tragen
Zurück zu dir.

A. de Nora

 

 

Kleine Erinnerungen

Deine kleine Schwester
Hat ihre offenen Haare
Wie einen lebendigen Schleier,
Wie eine duftende Hecke
Vornüberfallen lassen
Und schaut, mit solchen Augen!
Durch einen duftenden Schleier,
Durch eine dunkle Hecke ...
Wie süß ists, nur zu denken
An diese kleinen Dinge.

An allen sehnsüchtigen Zweigen
In deinem nächtigen Garten
Sind Früchte aufgegangen,
Lampions wie rote Früchte,
Und wiegen sich und leuchten
An den sehnsüchtigen Zweigen,
Darin der Nachtwind raschelt,
In deinem kleinen Garten ...

Wie süß ists, nur zu denken
An diese kleinen Dinge ...

Hugo von Hofmannsthal

 

 

Liedeszauber

Deine süßen Lieder, Kind,
Haben mich bezwungen –
Wie im Traum umwehn mich lind
Glückserinnerungen.

Leise knistern im Kamin
Dann und wann die Flammen –
Singe, blonde Zauberin,
Noch sind wir beisammen.

Eh' die Funken sind versprüht,
Ausgebrannt die Kerzen,
Sing' noch einmal mir das Lied
Vom verlor'nen Herzen –

Leon Vandersee

 

 

 

Erinnerung

Hier will ich sitzen und ruhen
An diesem lieblichen Ort,
Will schweifen lassen das Auge
In's Weite von Ort zu Ort.

Will stille sitzen und denken
An Alles was ich geliebt,
Will Alles, Alles vergessen,
Was mich verletzt und betrübt.

Und kann ich es denn verbannen,
Woran ich nicht denken will?
Wie bleibt es beim frohen Erinnern
Im Herzen so öd' und so still!

Es sind so innig verbunden
In mir die Freuden und Weh'n,
Daß nur vereint sie entschlummern,
Vereinigt nur aufersteh'n!

Luise Büchner

 

 

 

 

Es steht ein alter Name
An einem alten Baum,
Bemoost und ganz verwachsen,
Und man erkennt ihn kaum.
Der Baum noch grünt und duftet,
Streut jährlich Blüten herab,
Die Hand, die den Namen geschnitten,
Sie modert lange im Grab.

Hermann Ludwig Allmers

 

 

 

Das offne Fenster

Das alte Haus bei den Linden
Steht schweigend an kühlem Ort,
Es spielt um den reinlichen Sandweg
So Licht wie Schatten dort.

Das Fenster der Kinderstube
Weit offen stehn ich sah,
Doch ach, die Gesichtchen der Kinder
Erspäht ich nimmer da!

Der zottige Neufundländer
Hielt Wache noch unter dem Thor,
Seine muntern kleinen Gespielen
Sie gingen da nimmer hervor.

Sie sprangen nicht unter den Linden,
Sie spielten nicht mehr auf dem Flur,
Gespenstisches Schweigen und Trauer
Erfüllten die Räume jetzt nur.

Ein Vöglein sang in den Zweigen
Wie vordem so heimlich und traut,
Doch ach, nur in Thränen vernahm ich
Den süßen, den kindlichen Laut.

Ein Knäblein ging mir an der Seite, –
Ob es meine Trauer verstand,
Als fest ich sein Händchen, das warme,
Nun drück in meiner Hand?

Henry Wadsworth Longfellow

 

 

 

Jedes treue Rückgedenken,
Jedes sich Inleidversenken
Um ein längst entschlafnes Glück,
Bringt Verlornes uns zurück.
Fühle nur sein Näherschweben,
Fühl sein leises Dichumweben,
Fühle geisterhaft vereinen
Fernes Sehnen sich dem Deinen.

Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach

 

 

 

 

Schwüle Stunden! Flüsternd kaum
Bebt das Laub im Sommerwinde;
Vogelstimmen wie im Traum
Girren im Gezweig der Linde.

Auf dem blumigen Wiesenplan
Glüht und zittert Sonnenhelle;
Schlummertrunken ruht der Schwan
Auf des Weihers blanker Welle.

Ach, und mir in tiefster Brust
Brechen auf die alten Wunden.
Sehnsuchtsvoll in Qual und Lust
Denk' ich alter schwüler Stunden!

Paul von Heyse

 

 

 

Lied eines Vogels

Vor meinem Fenster singt ein Vogel.
Still höre ich zu.
Mein Herz vergeht,
Erinnerung klingt,
Abendrot winkt, Dämmerung schwingt.

Er singt, was ich als Kind
So rein errang, so voll bezwang,
So traut durchmaß, so ganz besaß
Und dann vergessen!

Hermann Oscar Arno Alfred Holz

 

 


Lied

Tot ist für immer jene Zeit,
Versunken und begraben!
Wir schaun zurück
Mit stierem Blick
Auf unsrer Hoffnungsträume Glück,
Die in des Lebens finsterm Leid
Wir trüb bestattet haben.

Der Liebe Strom entrauschte weit –
Wir schaun ihm nach vergebens!
Doch einsam hier
Noch stehen wir,
Denkmälern gleich entschwundner Zeit,
Die rasch entglitt mit Lust und Leid
Im Frührotschein des Lebens.

Percy Bysshe Shelley

 

 

 

 

 

 

 

Ein kahler Stein nackt wie ein Knochen
Liegt grinsend auf des Baches Grund,
Die Wasser ziehn ununterbrochen,
Bereden ihn mit schnellem Mund.
Er wird zum Antlitz blaß und düster,
Sieht zu mir auf von Schmerz gespannt,
Der Wellen unnützes Geflüster
Hat einen Namen mir genannt.
Ein tot Gesicht als Stein noch wartet
Auf das was einst mein Mund versprach;
Das Leben hat mit uns gekartet,
Mein Fleisch war stark, der Wille schwach.
Viel Schritte haben sich verloren,
Der Weg ist lang, der Weg ist wild,
Manch Echo klagt in meinen Ohren,
Auf manchem Stein da bleicht ein Bild.

Max Dauthendey

 

 

 

Gedenken

Es steht sein Bild noch immer da:
Auf seine Züge hingemalt
Manch Seufzer ward und manch Gebet.
Das Schicksal weigerte sein Ja.
Die Lampe brennt, ich bin allein.
Die Uhr nur hör' ich an der Wand.
Wie viel des Kummers kann gebannt
In eine kleine Stube sein!

Unbekannt

 

 

 

Vielleicht

Hab' gedichtet und geschrieben,
Wußte selber nicht den Sinn.
Stand denn außer meinem Lieben
Wirklich noch was andres drin?

"Täglich", sagt mir eine Dame,
"Les' ich Sie zum Abendbrot."
Ist's denn einzig nicht dein Name,
Der aus tausend Worten loht?

Noch ein Stündchen, noch ein Weilchen,
Und mein Werk und Name schwand;
Doch ein Verschen und ein Zeilchen
Kommt vielleicht in Enkelhand.

Und aus Reimen und aus Prosa
Lacht den sorgenvollen Mann,
Mariposa, Mariposa,
Deine schlanke Jugend an.

Rudolf Presber

 

 

 

Antwort an einen Freund

"Warum bist du so traurig nun
Und schaust immer in schweigender Nacht
Zu den einsamen Sternen herauf?
Warum stützt du so oft grübelnd
Das Haupt in die Hand,
Das nun lange schon tatenlos?"

"Siehe, mein Freund, ich sinne den Tagen nur
Nach in der freundlichen Jugendzeit,
Wo dem gläubigen Herzen schienen die
Nächte von Liebe erfüllt.
Und das Lied ist verstummt, weil
Das Herz mir erfror
Und die Laute nicht Trost mehr gibt."

Georg Heym

 

 

 

Und hast du je einmal geliebt,
Und weißt du, was für Seligkeiten
Die Liebe ihren Treuen gibt,
Bist du beglückt für alle Zeiten.

Es kann das Dornenreis der Pflicht
Die müden Schläfen dir zerwühlen,
Unglücklich aber kannst du nicht,
Nicht ganz verlassen je dich fühlen.

Von jedem Kummer, jeder Pein
Läßt dich Erinnerung genesen,
Und kannst du nicht mehr glücklich sein,
So weißt du doch, du bist's gewesen.

Robert Eduard Prutz

 

 

 

Ach, wird es mir denn niemals klar,
wo ich gewesen, eh ich war?
Schwamm ich, verkrümelt in Atome,
gedankenlos im Wirbelstrome,
bis ich am Ende mich verdichtet
zu einer denkenden Person?

Wilhelm Busch

 

 

 

 

Der Mensch und die Erinnerung

Der Mensch:
Du schöne Freude, warum enteilst du so
Mit all den Blüthen, die dich umgaukeln, mit
Der ersten Liebe zitternder Seligkeit
Und mit der Jugend lachendem Morgentraum?

Die Erinnerung:
Was dir von Lust als Perle hinunterfällt,
Ich heb' es auf und samml' es zum Kranze dir,
Bewahrst du mich dir heiter und warm, so ist
Nichts dir verloren, was einmal dein war.

Johann Ludwig Deinhardstein

 

 

 

Lichte Spuren

Ists Tag in dir geworden
Durch deines Gottes Gnade,
So leuchte aller Orten –
Und führ die Sonnenpfade
Auch andre, die im Dunkel schweben,
Die nur ein Sein im Staube leben.

Wie wirst du bald erfahren
Den Sieg auf solchen Wegen!
Du wirst mit Lust gewahren
Daß du der Welt ein Segen,
Daß auf der Erde dunklen Gassen
Du lichte Spuren hinterlassen…

Karl Ernst Knodt

 

 


Ich hatt' mal eine gute Zeit

Ich hatt' mal eine gute Zeit –
Kaum wie ein Hündlein bellt im Traum,
Sprach ich von Liebesschmerzen;
Wie jeder mal im Märzen klagt,
Wenn schon der Frühling angesagt,
Und Hastigkeit die Glieder plagt;
Wenn Neugier durch die Äste jagt,
Wenn kahl noch der Kastanienbaum
Schier stündlich nach den Kerzen fragt.
So wie vom Regenschnee der Flaum
Rührte kaum Leid des Ärmels Saum,
Aufs höchste spürte man's am Kleid.
Blitz lag mit Blitz noch nicht im Streit,
Die Lieb' lief durch die Ewigkeit,
Kein Meilenstein stand weit und breit.
Die Sehnsucht traf noch nicht das Mark,
Ich sehnte mich am Sehnen stark,
Blau war noch die Unendlichkeit –
Ich hatt' mal eine gute Zeit.

Max Dauthendey

 

 

 

Gespenster

Manchmal empfind ich plötzlich sie
Die Liebste, die ich längst verlor,
Wie eine ferne Melodie,
Die plötzlich wieder klingt im Ohr.

Wie ein vergeßnes altes Lied;
Es kommt und man erkennt es kaum
Und klingt doch wohlvertraut und zieht
Uns nach bis in den tiefsten Traum.

So stundenlang und tagelang
Fühl ich der Fernen Nähe noch,
Sie zwingt mit rätselhaftem Zwang
Mein ganzes Denken in ihr Joch!

Und schaudernd werd ich mir bewußt,
Daß still Gespenster in uns gehn!
Wir tragen Gräber in der Brust,
Die immer, immer offen stehn …

A. de Nora

 

 

 

 

 

Warum?

O jenen bangen Weg zurück,
Da jeder Baum von ihm erzählte,
Da jedes Blatt und jeder Stein
Mit Fragen meine Seele quälte,
Da alles sprach: Warum? Warum?

Warum gehst du den Weg allein,
Mit ernster Stirn und blassen Wangen,
Den du am blauen Frühlingstag
So jubelnd einst zu Zwei'n gegangen! –
– Mein Herz schrie auf – mein Mund blieb stumm –
O du verzehrendes ›Warum‹.

Anna Ritter

 

 

 

 

Die Möve flog zu[m] Nest,
Der Mond hält oben Wacht,
Des Meeres Brausen kommt
Von ferne durch die Nacht.

Ich schreit' hinab zum Strand,
Die Seeluft streift mein Haar,
Da kommt mir in's Gemüth
Was jemals süß mir war.

Und wie die Wolken dort
Sich rasch verwandelnd ziehn,
Ziehn durch die Seele mir
Erinn'rungsträume hin.

Sie wechseln für und für,
Sie grüßen und zergehn;
Dein Bild nur, wie der Mond,
Bleibt klar inmitten stehn.

Emanuel Geibel

 

 

 

Erinnerung und Hoffnung

Was vergangen, kehrt nicht wieder;
Aber ging es leuchtend nieder,
Leuchtet’s lange noch zurück.
In der Abendröthe Strahlen,
Die dir deinen Himmel malen,
Lächelt dir ein neues Glück.

Wenn, was ist, das Herz dir quälet,
Denke nicht, daß Alles fehlet,
Blicke froh nach Abend hin,
Wo in lichten Wolkenräumen
Der Erinn’rung Blumen keimen,
Süßer Trost dem weichen Sinn.

Daß das Herz nicht ganz verzage,
Schimmern seiner guten Tage
Engel da im heitern Licht,
Weihen Blumen ihm und Kränze,
Theure Zeichen alter Lenze,
Und d i e Blumen welken nicht.

Und bevor der lieben Sonnen
Letzter Schimmer h i e r zerronnen,
Tagt es d o r t im Osten schon.
Und dem Lichte weicht die Trübe,
Und die Boten neuer Liebe
Grüßt entzückt der Erde Sohn.

Also gab dem kurzen Tage,å
Daß der Mensch ihn gern ertrage,
Einen Trost der Vater mit.
Segnend strahlt von zweien Seiten,
Durch das Dunkel ihn zu leiten,
Heller Glanz dem Menschenschritt.

Abendröthe, Morgenröthe!
Wenn das Schicksal zu mir träte
Und mich fragte ernsten Blicks:
»Sohn, was hast du dir erlesen,
Freud’ an dem, so einst gewesen?
Oder Hoffnung künft’gen Glücks?«

Sieh, ich spräch: Laß mich nicht wählen!
Keines darf im Leben fehlen,
Soll das Leben Leben sein: –
Nicht mit seinem milden Flimmer
Der Erinn’rung Abendschimmer,
Nicht der Hoffnung Morgenschein!

Karl August Förster

 

 

 

Winterabend

Eisblumen, starr, kristallen an den Scheiben,
Wie ein Gehege vor der Sturmnacht Tosen,
Sie flüstern mir, indeß sie Flimmer stäuben:
Wir sind die Geister schöner Frühlingsrosen!

Schneeflocken, wirbelnd hin mit weißem Glanze!
Es pochen leis' ans Fenster die versprühten,
Mir lispelnd flüchtig im Vorübertanze:
Wir sind die Geister duft'ger Frühlingsblüthen!

Gefühle steigen auf in meiner Seele,
Wie beim Verklingen ferner Sterbeglocken,
Die bange Wehmuthseufzer meiner Kehle
Und reiche Thränen meinem Aug' entlocken;

Sie aber singen sanft mir ins Gemüthe:
Wir sind die sel'gen Geister deiner Lieben,
Mit denen du durchwallt des Frühlings Blüthe,
Auf deren Grab nun diese Flocken stieben!

Richard Fedor Leopold Dehmel

 

 

 

 

Erinnerung

Es flüstert in den Cypressen
Am verfallenen Gartenthor;
Wie kann, wer einst dich besessen,
Vergessen,
Was er an dir verlor!

Es weht um die Lauben, die düstern,
Wie verhaltene Sehnsucht nach dir ...
Ich höre ein Grüßen und Flüstern,
So lüstern,
Als wohntest du noch hier.

Heinrich Leuthold

 


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